Adio bella italia!

 

Ach Süditalien! Einmal mehr hast Du uns verzaubert und glücklich gemacht. Es gibt noch das Italien unserer Kindheitserinnerungen: Frauen in bunt gemusterten Schürzenkleidern, in denen sie sowohl im Garten als im Haus arbeiten. Oder 2016  auch gerne mal den Hund Gassi führen und dazu eine rauchen.

Es gibt sie noch, die dreirädrigen Ape, die farbigen Fischerboote und den besten Kaffee der Welt. Es gibt noch den Barbiere, wo sich die Männer täglich rasieren lassen. Es gibt noch die Wäsche vor Fenstern und Türen. Und es gibt auch noch die bunten Strand-Bälle, bei deren Anblick mir nur etwas einfällt: Ferien am Meer!

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Und natürlich gibt es auch das weniger schöne Italien. Müll in Städten und in der Natur, hässliche Mietkasernen und laute Klimaanlagen. Ersatzlos gestrichen sind jedoch die alten Fiat 500. Sie werden nur noch an Hochzeiten eingesetzt oder an Touristen vermietet. Abgelöst wurden sie nahtlos durch Fiat Pandas, die inzwischen allerdings auch schon so verrostet sind, wie die Cinque Cents meiner Kindheit. Was es leider kaum noch gibt, sind echte Kerzen in Kirchen. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, für meine Liebsten eine Elektrokerze anzuknipsen.

 

Was es hingegen immer noch gibt, sind ältere Männer, die einfach so rumsitzen und den Frauen in Kittelschürzen beim Arbeiten zuschauen. Es gibt Dinge, die ändern sich nie – weder zum Guten noch zum Schlechten. E cosi sia…

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Italien, wir kommen wieder!

Töfflibuebe und -meitli

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Es gibt so Vieles im Leben, das unvernünftig ist. Zu viel Zucker zum Beispiel. Zu viel Fleisch. Zu viel Milch. Ihr wisst schon, die böse Laktose! Alkohol auch ganz schlecht! Und zu viel rumliegen sowieso. Komisch nur, dass man in Italien all das darf. Täglich, ohne schlechtes Gewissen. Weil es alle machen. Mandelgebäck, Granite, Weisswein zum Pranzo, Roten zur Cena. Cafe tutto il giorno. Und wer geht hier bitteschön zu Fuss? Niemand!

Da kommt mir diese Studie grad recht, die besagt, dass weder Hyaluron noch sonstige Cremlis irgendwas bewirken, wenn man sie aussen drauf schmiert. Das Olivenöl also besser futtern und die Creme im Cornetto geniessen.

Was aber auf jeden Fall, per sofort und anhaltend jünger macht, ist Töffli fahren! Mädels, ich kann Euch versichern, dies ist eine veritable und äusserst günstige Botox-Kur für Herz und Hirn!

Auf der ersten Fahrt habe ich mich noch an Beat gekrallt wie ein brasilianisches Klammeräffchen. Abends trug ich Jeans, Turnschuhe, Daunenjacke und Schal. Es könnte ja etwas zugig werden.

Am zweiten Tag hielt ich mich schon lässig mit einer Hand am Sattel fest (hab ich bei den italienischen Mädels abgeschaut). Am vierten Tag schwang ich mich im luftigen Sommerkleidli barfuss aufs Töffli. Den Helm liess ich stehen, der Wind sollte mir bitteschön durch die Haare wehen!

Der Wind bauschte mein Sommerkleid, liess meine Haare fliegen und ich fühlte mich für einen Wimpernschlag wie 16. Denn gerade als ich frech einem hübschen Italiener zuzwinkern wollte, flog eine Wespe unter mein Kleid und – stach zu! Da war ich ganz schnell wieder 50+ Saubiest, Elendiges!

 

 

 

 

Ode an den bedrohten Olivenbaum

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Nirgendwo in Italien sind die Olivenbäume schöner und älter als im Stiefelabsatz. Die rote, stark eisenhaltige Erde scheint für die Bäume ideal zu sein. Einige sind über 800 Jahre alt.

Doch das Einkommen vieler apulischer Bauern ist akut bedroht. Seit ein paar Jahren lässt das aus Amerika stammende Feuer-Bakterium die Olivenbäume in kürzester Zeit vertrocknen. Weinend mussten die Bauern 2015 zusehen, wie über eine Million, z.T. uralter Ölbäume gefällt wurden! Ganze Haine wurden platt gemacht oder abgebrannt. Welch ein Drama für Menschen und die Natur!

Zum Glück gibt’s aber auch noch Haine mit gesunden Bäumen. Durch sie hindurch zu wandern ist besser als jede Meditation. Die Farbe, die knorrigen Stämme, die schützenden Kronen verströmen eine wunderbare Ruhe. Ich setze mich unter einen alten Baum und lausche dem Wind in den Blättern. Es ist, als würde er mir uralte Geschichten erzählen und ich fühle mal wieder, wie wenig so ein Menschenleben in der Zeitrechnung unseres Planten ist.

Ein Olivenbaum hat etwas Magisches an sich. Seine pure Grösse und sein biblisches Alter lassen einen irgendwie ehrfürchtig werden. Die deutsche Journalistin Anette Rübesamen sagt von sich selbst, sie sei keine, die Bäume umarme. Aber in Apulien musste sie an einem Olivenhain anhalten und zu einem der uralten Bäume gehen. Sie schreibt: „Sein Stamm krümmt sich wie vor Schmerzen, windet sich um sich selbst, scheint sein Leben lang gekämpft zu haben, gegen den Wind, die Hitze. Er hält durch, trägt einen Schopf silbriggrünen Laubs und viele Früchte. So einen Baum umarmt man nicht. Man neigt sein Haupt in Ehrfurcht.“

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Erdbeerbäume und Postino-Romantik

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Pollara

Hallo, seid Ihr noch da? Bin grad von Tante Ju aus meiner Insel-Lethargie geholt worden. Die Tragflügelboote, welche hier ab und zu vorbeidonnern, tönen wirklich wie unsere alte Tante Ju, die Dame der Luftfahrt. Und wenn ich nun schon wach bin, können wir ja auch mal die Wanderschuhe schnüren. Auf der Insel Salina gibt’s nicht so tolle Badestrände, dafür ein paar aussichtsreiche Wanderwege. Zum Beispiel auf die beiden Insel-Vulkane Monte Fossa delle Felci (Farn-Berg) und Monte dei Porri (Lauch-Berg). Da es heute aber zu heiss für eine Vulkanbesteigung ist, wandern wir von Pollara nach Leni, der Flanke des Lauch-Berges entlang. Der Aufstieg (und Abstieg!) entpuppt sich dann allerdings doch noch als ziemlich schweisstreibend. Dafür werden wir mit herrlichen Aussichten belohnt!

Auch die Vegetation ist hier ziemlich anders als bei uns. Macchia, Kapernbüsche, Olivenbäume, Zystrosen, Feigen-Kakteen und Erdbeerbäume wechseln sich je nach Höhenlage ab. Dazwischen viele Trockensteinmauern und vulkanisches Geröll. Die Erdbeerbäume tragen gleichzeitig Blüten und Früchte, die „Erbeeren“ reifen aber erst im Winter völlig aus und sind sogar geniessbar. Der Heidestrauch soll gegen Abgase resistent sein, weshalb man ihn jetzt auch in Städten anzupflanzen versucht. Der Arme – hier hat er’s doch viel schöner und muss nur den Abgasen von Tante Ju und Co. widerstehen.

Feigen-Kaktus und Erdbeerbaum

Jetzt haben wir uns einen Aperitivo in Pollara verdient. Das hübsche Dörfchen auf einer Krater-Terrasse wurde durch den Film „Il Postino“ 1994 weltberühmt. Den Oscar erhielt er zwar nur für die beste Filmmusik, dafür aber 18 andere wichtige Filmpreise.

Der Fischer Mario (Massimo Troisi) radelt im Film täglich nach Pollara, um dem im Exil lebenden chilenischen Dichter Pablo Neruda (Philippe Noiret) seine Fan- und Liebesbriefe zu bringen. Der Dichter schreibt dann für den ungebildeten Mario Liebesbriefe für die schöne Beatrice (Maria Grazia Cucinotta), deren Herz Mario so erobern kann. Bis heute wird der Film in der Bar neben der Kirche jeden Abend um 18 Uhr gezeigt.

Während wir am Meer sitzen und zusehen, wie die Flut leider unseren Badeplatz verschluckt, spricht uns eine Frau an. Sie hat das Film-Haus offenbar gekauft und möchte es jetzt an Gäste vermieten. Falls also mal jemand Lust auf Ferien an diesem wirklich zauberhaften Ort verspürt: Wir haben die Telefon-Nummer!

Inselglück

Psst, hört Ihr mich? Ich muss ein bisschen leise sein, denn eigentlich dürfte ich Euch diesen Geheimtipp gar nicht verraten. Salina, der Garten der liparischen Inseln, ist nämlich ein kleines Paradies. Was man hier tun kann? Ooch, eigentlich muss man hier gar nichts tun. Aufs Meer blicken und den Morgen Abend werden lassen, genügen vollkommen.

 Unser Haus in Lingua auf Salina: Katze inbegriffen

Dazwischen ein Pane Cunzato essen. Das ist eine Art ungebackene Brot-Pizza, die als Inselspezialität gilt und uns in Rinella am besten geschmeckt hat. Dazu ein Gläschen salinischen Malvasia schlürfen und sich am späteren Nachmittag bei Alfredo in Lingua durch die besten Granite der Welt essen. Granite sind eine Art Sorbet, schmecken aber tausendmal besser! Pistazien, Mandeln, Schokolade habe ich schon verdrückt, jetzt kommen Maulbeeren und Melonen dran. Beim Essen und Trinken natürlich nie vergessen, aufs Meer zu blicken!

Wenn das Meer dann zu sehr lockt – habe ich schon erwähnt, dass es 27 Grad warm ist? – an einen der kleinen, zugegeben etwas steinigen oder schwarzsandigen Vulkan-Strände fahren (Töffli mieten!) und ins kristallklare Wasser eintauchen. In der Nachmittagssonne eindösen und allenfalls dazwischen aufs Meer blicken.

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Töffli-Buebe!

Später am Abend durch die Gässchen von Santa Marina Salina bummeln und vielleicht Zeuge einer der vielen Prozessionen zu werden. Auf der hübschen Terrasse des Hotels Santa Marina einen Apéro geniessen und aufs Meer blicken. Noch später Schwertfisch mit salinischen Kapern (gelten als die Besten!) bestellen. Oder einen äolischen Salat mit Kapern, Sardellen, Tomaten und Oliven. Oder Spaghetti „alle tute guste eolie“.. Ach ich hör jetzt auf. Muss mich dringend hinlegen und aufs Meer blicken …

Wo findet sich das Ferienglück?

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Am Strand von Cariati

Auf unserer Fahrt von Apulien nach Reggio Calabria haben wir zwei total verschiedene Italien erlebt. Die erste Nacht verbrachten wir im einfachen B&B Al Giglio in Cariati, einem nicht touristischen Provinzstädtchen am Golf von Taranto. Es war wundervoll. Der Vater des B&B-Besitzers zeigte uns das Zimmer mit Meersicht. Aha? Ich sah nur in die Küche unserer Nachbarn. Doch tatsächlich: Wenn ich mich auf dem kleinen Balkon in der äussersten Ecke nach links lehnte, konnte ich am Ende des Gässchens einen Zipfel Meer erblicken. Aber was spielt das für eine Rolle? Das 27 Grad warme Meer liegt uns ja zu Füssen!

Der Papa zeigte uns auch den Strand und wollte unbedingt um 18 Uhr noch zwei Liegestühle aus dem Unterstand zerren. Nur mit Mühe konnten wir ihn davon überzeugen, dass in einer halben Stunde die Sonne hinter den Bergen verschwunden sein würde. Wir schwammen eine Runde, setzten uns dann in die einzig offene Bar am Meer und schauten dem Feierabend-Flanieren zu. Grossmütter, Mütter und Kinder sassen tratschend herum, bald gesellten sich die Männer zum Bier dazu – an einem Nebentisch versteht sich! Junge Mädchen drapierten sich auf der Hafenmauer, die Jungs knatterten auf ihren Töfflis den Lungomare rauf und runter, die Mädchen stets im Blick. Später assen wir in der vom Papa empfohlenen Trattoria frischen Fisch, tranken guten Wein aus der Region und waren einfach glücklich!

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Am nächsten Morgen gingen wir früh an den Strand. Ich stieg ins Wasser und schwamm im Silberstreifen der aufgehenden Sonne entgegen. Dann setzte ich mich auf das Hafenmäuerchen und genoss das erwachende Dorf. Ein Mann spazierte mit seinem Hund vorbei. Eine ältere Frau mit Stock kneippte im flachen Strandwasser der Bucht. Jedes Mal, wenn sie nach einer Runde wieder bei mir ankam, rief sie „Meraviglioso, eh!?“

Ein zweiter Mann setzte sich ebenfalls auf die Hafenmauer und schaute abwechslungsweise in sein Handy und zur Kaktus-Bar hinüber. Endlich ging im ersten Stock ein Fenster auf und ein verstrubelter Italiener streckte seinen Kopf heraus: „Ciao, Giovanni“ rief er dem Wartenden zu. Da wusste ich: in spätestens 10 Minuten würde es in der Kaktus-Bar einen frisch gebrühten Cafe macchiata geben. Meraviglioso, eh!

Auf der Fahrt durch die Sila kommt man nach San Giovanni in Fiore durch endlose Eichenwälder. Eichenwälder im September bedeutet: Pilze! Also nix wie raus auf den nächsten Parkplatz, wo schon ein paar verlotterte Fiat Pandas stehen und rein ins Pilzparadies! Pilze gab es tatsächlich im Überfluss. Mücken und Fliegen allerdings auch. Sie waren dermassen lästig und bohrten sich sogar in meine Augen, sodass ich nach einer Viertelstunde entnervt aufgab. So müssen sich unsere Kühe fühlen! Nur habe ich keinen Schwanz, um die Saubiester wegzuwedeln. Also nix wie weg hier! Wir hatten ja sowieso erst in zwei Tagen einen Kochherd – also überliessen wir die z.T. kindskopfgrossen (!) Steinpilze besser den meist älteren Männern, die sich damit wohl ihre mickrige Pension aufbesserten.

Dafür bewunderten wir dann noch den Elefantenstein. Der steht hier einfach so rum und lässt sich ganz ohne Fliegenplage fotografieren.

Am Abend dann Tropea. Das hübsche Städtchen, rund 400 Kilometer südlich von Neapel, ist eine Schönheit. Es liegt an der Spitze einer Landzunge und wartet mit Schlössern, Barock-Kirchen und türkisfarbenem Wasser auf.

Doch uns hat es zu viele Leute – wir wollen ans Meer. In Capo Vaticano finden wir das Hotel Cala di Volpe und erhalten für 90 Euro einen Bungalow direkt am Meer. Allerdings bemerkten wir erst später, dass dies ein klassisches TUI-Feriendorf und fest in den Händen deutscher Touristen ist. Doch die Anlage ist klein und hübsch, der Bungalow geräumig und zum Meer sind es nur 5 Schritte. Allerdings: hier ticken die Uhren definitiv nicht süditalienisch! Man bekommt eine Karte zum Bezahlen der Drinks und eine Nummer für den Liegestuhl. Dieser ist allerdings schon mit einem Strandtuch „besetzt“. Strandtücher gibt’s nur an der Rezeption. Das bedeutet: in Badehose zurück auf Feld 1. Die Rezeption liegt nämlich am anderen Ende der Anlage…

Der Pool wird um 19 Uhr zugesperrt, Abendessen gibt’s ab 19.30 Uhr. Normalerweise öffnen Restaurants hier im Süden frühestens um 20.30 Uhr. Punkt 19.30 Uhr sind alle Tische besetzt, während wir noch verblüfft an unseren Sundowners nippen. In der Bar ergattern wir noch einen kleinen Tisch und zu meiner Verblüffung bestellt Beat zum ersten Mal auf dieser Reise einen Halben „vino di casa“. Ausgerechnet im TUI-Dorf! Wir stossen an – und hätten den ersten Schluck beinahe wieder ausgespukt. Das war kein Wein, das war Essig! Doch der Kellner tauschte den vino aperto anstandslos gegen eine Flasche guten Roten aus und sagte augenzwinkernd, sie würden uns vino di casa nicht verrechnen. Da hatten wir nochmals Glück gehabt. Der hätte uns nämlich 4 Euro gekostet!

Doch einen Abend lang dem Treiben eines Feriendorfes zuzusehen ist sehr amüsant. Es erinnert mich an meine ersten Ferien am Meer im toskanischen Follonica. Was war das für ein Ereignis! Zum ersten Mal am Meer! In einem eigenen Bungalow! Wahnsinn!

Denn auch das ist Italien. Hier lebt man vom Tourismus und Anlagen wie das Cala di Volpe ermöglichen es nordeuropäischen Familien günstig Ferien am Meer zu verbringen. Auch ohne Italienischkenntnisse. Die Kinder verschiedenster Familien haben sich schon lange gefunden und spurten glücklich durch das Feriendorf. Die Eltern können in Ruhe essen und trotzdem ihre Sprösslinge im Auge behalten. Am Nachbartisch sitzt eine holländische Familie mit zwei Jungs. Der Dreijährige verschwindet für ein paar Minuten, um kurz danach mit frittierten Käsekugeln zurück zu kommen. Er hatte sie sich selber in der Küche „besorgt“. Ein blonder Junge und ein dunkelhaariges Mädchen, beide etwa 6 Jahre alt, sind unzertrennlich. Und wir sind sicher, dass der Junge in 30 Jahren erzählen wird: „Meine erste Freundin hatte ich in Tropea und sie war das schönste Mädchen, das ich je gesehen hatte“. Und beide werden bestimmt irgendwann nach Tropea zurückkommen. Amore mio!

Strada chiusa

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Autos haben in Italien die schönsten Häuser

Autofahren in Süditalien ist ganz einfach, wenn man ein paar Regeln beherzigt:

  • Blinker sind total überflüssig
  • Vortritt hat, wer die (Auto)-Schnauze vorne hat
  • Überholverbotstafeln und Sicherheitslinien stehen nur zur Dekoration herum
  • Parkplätze befinden sich grundsätzlich auf der Strasse

Merkwürdigerweise gibt es nur zwei Kategorien von Autofahrern in Süditalien: Entweder sie fahren nie mehr als 30 Stundenkilometer oder nie weniger als 100 Stundenkilometer. Hat man das alles einmal kapiert, klappt es mit der Fortbewegung ganz prima. Und wir dachten, wir könnten unserem Skoda Octavia jetzt auch mal etwas zumuten. Da wir noch ein paar Tage auf der liparischen Insel Salina verbringen, müssen wir von Apulien nach Reggio di Calabria gelangen. Dazwischen liegt das Sila-Gebirge. Und das wollen wir unbedingt durchqueren. Auf der Karte sah unsere Route aus, wie viermal von Chur nach Arosa zu fahren – seeehr kurvenreich!

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Olivenbäume oberhalb Caritas

Schon in Cariati schlängelte sich die Strasse in mehreren Haarnadelkurven in die Höhe. Die Aussicht aufs Meer und Cariati war atemberaubend schön. Im nächsten Bergdorf sahen wir an der Abzweigung nach San Giovanni in Fiore ein Schild: „strada chiusa“ – Strasse geschlossen. Das konnten wir nicht glauben, führte doch von hier nur diese Strasse direkt nach San Giovanni in Fiore. Die Strasse war bis zu einem hübschen Picknickplatz im Wald auch tiptop. Danach verschlechterte sie sich allerdings sehr schnell. Nach ein paar Kilometern trafen wir einen Hirten. Er sah uns etwas erstaunt an, musterte dann unseren Oktavio und meinte trocken: Sollte gehen.

Es ging. Aber es dauerte. Denn die Strasse war – nun sagen wir – teilweise etwas „unwegsam“. Manchmal war sie bergseits ganz verschüttet, der Asphalt zum Teil bereits auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Es gab Gras, wo Belag sein sollte und tiefe Löcher, wo ebenfalls Strasse sein sollte. Wir trafen aber weder 30- noch 100-Stundenkilometerfahrer – wir hatten die Strasse wirklich ganz für uns allein. Sozusagen Privat-Pass. Einzig ein paar Kühe und eine Ziegenherde wollten partout nicht einsehen, warum sie ihre Strasse freigeben sollten. Kann ich irgendwie verstehen…

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Strada chiusa …

Zum Schluss für heute noch zwei weitere kleine Italien-Auto-Anekdoten:

Die Orts-Tafeln auf Salina wurden neuerdings mit einem „Hupen verboten“-Schild ergänzt.

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Und in Galatina trafen wir einen Fahrlehrer mit Schüler. Der Fahrschüler musste das Auto direkt vor dem Büro des Fahrlehrers parkieren. Selbstverständlich im Halteverbot…

Viva Italia!

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Sila Hochebene

Touristen-Info
Die Fahrt durchs Sila-Gebirge ist für Kurven- und Bergliebhaber ein Muss. Allerdings sollte man dafür keine geschlossenen Strassen nehmen, denn das könnte durchaus mal schief gehen. Es gibt eine gut ausgebaute Hauptstrasse von Crotone nach Cosenza und auch offene Nebenstrassen. Viel Spass!

 

3 Hochzeiten und 5 Beerdigungen

Wenn man durch apulische Städtchen flaniert und die schönen Kirchen besichtigt, bekommt man so Einiges vom italienischen Alltag mit. Die Apulier sind sehr gläubig, nirgendwo in Italien gehen mehr Menschen regelmässig zur Kirche. So wurden wir gleich mehrmals Zeugen von Hochzeiten und Beerdigungen. Während in der einen Kirche ein Vater seine Tochter im weissen Brautkleid zum Altar führt, wird aus der nächsten Basilika gerade ein Sarg getragen. Die Trauergemeinde folgt dem schwarzen Wagen zu Fuss auf den Friedhof, der Pfarrer führt den Trauerzug mit Kreuz und Weihrauchkessel an.

Nicht nur die grossen Lebensdramen finden in Kirchen statt, auch kleinere spielen sich manchmal hier ab. Auf einer Kirchentreppe in Ostuni will eine Familie Fotos von sich und ihrem Sprössling machen. Mamma mit Sohn, Papa mit Sohn, Mamma und Papa mit Sohn und dann noch tutta la famiglia „mit alles“. Der Dreijährige will aber viel lieber mit dem Selfiestick selber fotografieren. So hockt der Kleine neben seiner hübsch drapierten Mamma und hält sich Papas Handy vor’s Gesicht. Nicht das, was Papa will. Nach freundlichem Einreden auf das Kind, folgt „du kriegst ein Glace, wenn Du mir jetzt das Handy gibst“ gefolgt von „du kriegst NIE MEHR ein Glace, wenn Du mir jetzt nicht sofort das Handy gibst!“. Worauf das Kind Papas Handy samt Selfiestick fuchsteufelswild auf der Kirchentreppe zerschmettert. Gott segne uns!

Schöne Kirchen gibt es in fast jeder Stadt. Besonders gefallen hat uns die Basilika Santa Caterina in Galatina. Giotto-Schüler haben im 14. Jahrhundert die ganze Bibel an die Kirchenwände gemalt. Fast noch besser hat mir allerdings dieser alte Coiffeur-Salon gefallen. Und wir durften sogar fotografieren. Ma certo!

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Das Provinzstädtchen Galatina liegt rund 30 Kilometer landeinwärts von Galipoli. Hier findet man das nichttouristische Italien und entdeckt ganz ohne Touristen-Dichtestress die Schönheiten – und auch Hässlichkeiten – einer apulischen Kleinstadt. Hingehen!

Hässliche und schöne Dolendeckel in Galatina

Kitsch und Kulinarik

Apulien hat viele hübsche Städtchen. Sehenswert sind die bereits erwähnten Martina Franca und Locorotondo aber auch Ostuni (die weisse Stadt), Otranto und Gallipoli.

Doch in allen herrscht in den Sommermonaten – und neuerdings auch noch im September – geschäftiges Touristentreiben. Souvenirshop reiht sich an Souvenirshop und nicht alles ist „made in Italy“. Allerlei Kitsch wird hier den Touristen angedient, wie z.B. Trulli in Schneekugeln oder Lampen in Form von Oliven. Auch sehr bunte Teller oder Tassen mit dem eigenen Namen könnte man erstehen. Doch vermutlich alles „made in china“. Also Finger weg!

Schön sind handgewobenes Leinen und schlichte Keramik. Auch mit ein paar Ledersandalen aus Gallipoli oder Otranto kann man durchaus zufrieden sein.

Am besten fährt man hingegen mit kulinarischen Produkten aus der Region. Olivenöl, getrocknete Tomaten oder Orecchiette, die typischen Teigwaren der Region. Und natürlich das Apérogebäck Taralli. Die runden, ziemlich trockenen Kringel sind inzwischen in verschiedensten Geschmacksrichtungen erhältlich und schmecken zu eingelegten Oliven wunderbar.

Auch gute Weine werden in Apulien produziert. Uns hat zum Beispiel der lokale Cantele sehr geschmeckt. Und wer hätte gedacht, dass der zur Zeit so angesagte Rosé im Süden Apuliens vor mehr als 70 Jahren Kultstatus erreichte? Die berühmte Kellerei Cantina Leone de Castris füllte bereits 1925 Weine in Flaschen ab und war damit dem Trend weit voraus. Als sich im 2. Weltkrieg amerikanische Soldaten bei Castris verpflegten, wurde erstmals ein Rosé in Flaschen abgefüllt. Der legendäre Five Roses gilt auch heute noch als bester Rosé Italiens.

Jetzt muss ich mich leider verabschieden: es warten Orecchiette mit Burrata und hausgemachte Spaghetti Carbonara mit kurz gebratenen Tonwürfeln. Ausserdem darf der Rosé keinesfalls warm werden. Buon appetito e a più tardi !