Im Garten der Toten

In einem Land mit fast 90% Katholiken ist es doch irgendwie erstaunlich, dass viele offenbar glauben, sich mit einem imposanten Mausoleum einen Platz im Himmel sichern zu können. Der alte Friedhof im Stadtteil Recoleta war früher eine Kirchenwiese. Ab 1822 wurde diese jedoch komplett zugebaut mit Grabstätten jedweder Couleur: 4800 Mausoleen in Art Deco, Art Nouveau, Barock, mit keltischen Kreuzen oder riesigen Marmor-Engeln stehen hier dicht an dicht. Neuerdings gibt es auch Grabstätten in moderner Bauweise aus Stein und Glas.

Jeder der genug Geld hat oder berühmt ist, kann sich hier sein Familien-Mausoleum bauen. Inzwischen gibt es Wartelisten, denn die Gräber verbleiben auf ewig in den Familien. Doch wenn es keine Nachkommen mehr gibt oder das Geld ausgeht, verfallen die Mausoleen und so kann evt. mal eine neue Familie ein altes Grab übernehmen.

Gerade diese von Spinnweben überwucherten, halb verfallenen Mausoleen verleihen diesem Friedhof seinen unglaublichen, gespenstischen Charme. Hier möchte man sogar als Ungläubiger nachts nicht alleine sein. All die korrupten Seelen, von denen es hier bestimmt einige gibt, kriechen um Mitternacht sicher aus ihren Särgen und wandeln wehklagend durch die engen Gässchen…

Die Toten werden nämlich nicht eingemauert, sondern mumifiziert in verzinkten Särgen aufgebahrt. Die Mausoleen sind bis zu 5 Meter tief und über schwindelerregend steile Treppen gelangt man nach unten in die Gruften, wo auf verschiedenen Ebenen die ganze Familie Platz findet: Sarg über Sarg. Gibt’s keinen Platz mehr für weitere Verstorbene, werden die ältesten Toten nach etwa 10 Jahren verbrannt und kommen in einer Urne erneut ins Familien-Grab.

Um Mäuse fernzuhalten, wurden Katzen angestellt (kein Witz!) und die Mausoleen werden regelmässig gelüftet, damit das Büsi seine Arbeit verrichten kann. Ausserdem wollen die Toten ja auch ein bisschen frische „buenos aires“ haben.

Manchmal begraben reiche Familien sogar ihre langjährigen Hausangestellten im Familiengrab. Allerdings nicht in der Gruft selber, sondern ausserhalb der Mausoleum-Mauer. Sozusagen im Garten des Friedhofgartens. Eine gewisse Grenze zwischen Aristokratie und Fussvolk muss dann doch gewahrt werden.

Wirklich gruselig wird es an Rufina Cambaceres Grab. Die 19jährige Tochter von Politiker und Schriftsteller Eugenio Cambaceres soll lebendig begraben worden sein. Am Tag des offiziellen Begräbnisses stellte man fest, dass der Sarg geöffnet worden war, der Deckel an der Innenseite Kratzspuren aufwies und auch Rufina selber Kratzer an Händen und im Gesicht hatte. Nun brodelte die Gerüchteküche! Die einen sagten, der Sarg sei von aussen geöffnet worden, um der reichen jungen Frau den Schmuck zu klauen, andere behaupteten, Rufina sei in eine Art Scheintod gefallen, weil sie am Abend ihres 19. Geburtstages durch eine unbekannte Person erfuhr, dass ihr Bräutigam eine Affäre mit ihrer Mutter hätte. Stimmen tut vermutlich höchstens die Räuber-Story…

Das Grab von Evita

Prominenteste Tote ist neben ehemaligen Präsidenten, militärischen Helden, einflussreichen Politikern, berühmten Schriftstellern und Tangotänzern (!) natürlich Eva Perón Duarte. Evita liegt – nach mehreren Umsiedlungen – wieder im Grab ihrer eigenen Familie Duarte. Allerdings sieht man ihren Sarg nicht. Um dem Evita-Rummel ein Ende zu setzen, verbannten sie ihre Angehörigen in den Untergrund. So liegt denn die berühmte Eva unsichtbar unter den Füssen der Besucher. Nützt aber alles nichts: Die Tür des Mausoleums wird täglich von Evita-Anhängern mit frischen Blumen geschmückt. Wer jung stirbt, wird eben fast immer unsterblich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s