Helden-Epos und Löwenzahn

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Die Antarktis wurde im Vergleich zu anderen Kontinenten sehr spät entdeckt und wegen ihres Eisschildes und unwirtlichen Klimas auch bald wieder verlassen. Niemand lebt hier dauerhaft. Dafür tragen viele Inseln, Fjorde und Meere die Namen von Forschern und Entdeckern. Verschiedene Länder betreiben rund 80 Forschungsstationen auf dem antarktischen Festland, die vorwiegend im Sommer besetzt sind.

Die Entdecker-Geschichten sind in dieser eisigen Region natürlich von Heldentum und Heldenwahnsinn gezeichnet. Als Erster erreichte der Norweger Roald Amundson am 14. Dezember 1911 den geographischen Südpol. Der britische Expeditionsführer Robert Falcon Scott brach fast gleichzeitig auf einer anderen Route auf, traf jedoch erst am 17. Januar 1912 am Südpol ein und konnte die britische Flagge nicht mehr hissen. Er und seine Mannschaft kamen auf dem Rückweg alle ums Leben.

Es gibt Dutzende von spannenden Büchern und Filmen zu diesen entbehrungsreichen Expeditionen – wer also mehr wissen will, einfach google nutzen.

Doch wer in die Antarktis fährt, kommt um Sir Ernest Henry Shackelton nicht herum. Hier eine Kurzfassung seines Helden-Epos:

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Sir Ernest Henry Shackleton 1874-1922

Der britische Polarforscher irischer Abstammung war nicht nur ein hervorragender Seemann, er sah auch unverschämt gut aus. Shackelton wollte, wie viele andere – endlich Antarktika erreichen. Bei einer seiner Expeditionen blieb sein Schiff Endurance 1915 im Eismeer stecken. Nach Monaten des Wartens taute das Eis langsam auf, doch statt das Schiff zu befreien, erdrückten es die wandernden Eismassen und die Endurance sank.

Die Mannschaft rettete sich auf Elephant Island. Weil hier keine Hilfe zu erwarten war, machte sich Shackelton mit drei Mann und einem kleinen Segelboot auf den Weg nach Südgeorgien. 1500 Kilometer durch stürmische See, die sie nur knapp überlebten. Total entkräftet fanden sie nach 26 Tagen endlich Südgeorgien. Doch die rettenden Walfang-Stationen befanden sich auf der anderen Seite der Insel. An eine Inselumquerung per Boot war wegen Erschöpfung und hohem Seegang nicht mehr zu denken. Shackelton überquerte also mit einem Begleiter die Insel zu Fuss. Über schneebedeckte hohe Berge, vorbei an gefährlichen Gletscherspalten, mit vielen Umwegen, da es ja keinen Weg gab. Das Erste, was er nach harten zwei Tagen hörte, war das Pfeifen der Walfang-Sieder von Stromness. Da wusste er, dass er es geschafft hatte.

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Alte Walfangstation Stromness

Doch Shackeltons Mannschaft harrte noch immer auf Elephant Island aus. Mit einem Walfangschiff fuhr er nach Falkland, wo er einen chilenischen Kapitän fand, der sich bereit erklärte, das sturmumtoste Elephant Island anzulaufen. Zweimal mussten sie die Rettung abbrechen, doch beim dritten Versuch klappte es. Alle 30 Männer lebten noch und konnten gerettet werden. Shackelton war ein Held. Er starb 1922 auf einer weiteren Expedition mit 48 Jahren an einem Herzinfarkt auf seinem Schiff. Man beerdigte ihn auf Wunsch seiner Frau in Grytviken und sein Grab ist zum Pilgerort aller Antarktis-Fahrenden geworden.

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Grab von Sir Ernest Shackleton auf Grytviken

Die geretten Seemänner hingegen kehrten nach Europa zurück, wo viele von ihnen in den Schützengräben des 1. Weltkriegs starben. Vom Fegefeuer direkt in die Hölle. Was für eine Tragödie!

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Vom Wasserfall nach Stromness: Shackeltons letztes Wegstück

Die letzte Strecke, die Shackelton zur Walfangstation Stromness zurücklegte, ist eine schöne Wanderung (1,5 Stunden). Ebenso schön ist die Wanderung von der Bucht Maiviken nach Grytviken. Maximal 100 Personen dürfen gleichzeitig an Land. Wir sind 140 Personen. Nun ratet mal, wie viele Schweizer sich für die als zum Teil steile, 3-stündige Wanderung angemeldet hatten? Bingo! 130. Zum Glück traten noch ein paar freiwillig zurück und so konnten wir starten. Da man als Gruppe zusammenbleiben muss (man möchte hier auch wirklich nicht verloren gehen), zog sich ein roter Tausendfüssler durch die atemberaubende Landschaft.

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Rotjacken wandern von Maiviken nach Grytviken

Unsere Biologen erzählen uns auch immer wieder interessante Dinge zu Flora und Fauna. Der gesichtete Löwenzahn z.B. ist hier nicht heimisch. Der Grund, warum er hier gedeiht ist Folgender: Viele norwegische Walfänger starben auf Südgeorgien. Nun ist es  in Norwegen Tradition, in heimischer Erde begraben zu werden. Da dies aus logistischen Gründen nicht möglich war, brachte man norwegische Erde nach Grytviken. In jedes Grab kam eine Schaufel davon. Inklusive Löwenzahn. Und so gedeiht der blinde Passagier nun auch auf Südgeorgien ganz vorzüglich!

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Antarktis-Lektion Nr. 10: Volksport Nr. 1 der Schweizer ist tatsächlich Wandern! Statt roter Socken gibt’s in der Antarktis einfach rote Jacken.

 

 

 

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