Feliz Navidad – frohe Weihnachten !

Wir wünschen Euch allen von Herzen frohe Weihnachten! Für einmal mit argentinischen und seemännischen Weihnachts-Fotos.

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Weihnachtsbeleuchtung am Puerto Madero

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Seemann-Adventskranz aus Seekarten-Sternen, Notsignal-Lampen und Schiffs-Tau

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Christbaum aus vergoldeten Betflaschen im Coca Cola Haus

Gummibäume, Zuckerschock und Buchparadiese

Habe ich schon erwähnt, dass es gut 31 Grad im Schatten ist? Und die Luftfeuchtigkeit 95% beträgt? Bei solchen Verhältnissen gibt’s nur zwei Möglichkeiten:

Erstens: Ganz langsam durch die Stadt-Pärke spazieren und sich ab und zu unter einen Gummibaum legen. Der wirft Schatten für mindestens 50 Leute, also kein Problem.

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Schatten unter dem 200jährigen Gummibaum

Zweitens: Man geht überall rein, wo es kühl ist. Museen zum Beispiel. Kirchen auch okay. Glace-Läden noch besser! Hab mir grad ein „dulce de leche“ mit Schoggisplittern reingezogen und leide jetzt unter einem Zuckerschock. Dulce de leche ist die Landes-Süssigkeit schlechthin. Es gibt sie überall und zu jeder Tageszeit. Man streicht sie aufs Brot, backt sie in Kuchen oder macht Glace draus. Die Milch-Konfitüre wird so lang gekocht, bis die Masse caramelisiert und dickflüssig wird. Schmecken tut es wie Kondensmilch mit Caramelgeschmack.

Nach dem Zuckerschock flüchte ich also unter den nächsten Gummibaum und danach in die National-Bibliothek. Entworfen hat sie Architekt Clorindo Testa, die Bauzeit dauerte 20 Jahre! (1972-1992). Ob sich das gelohnt hat? Im Brutalo-Bau ist es zwar kühl, aber die düstere Atmosphäre dieses eigenwilligen Pilzes treibt uns relativ schnell wieder in die Wärme hinaus.

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Erbaut im brutalistischen Stil zwischen 1972 und 1992: Die National-Bibliothek

Denn es gibt hier in Buenos Aires noch ein ganz anderes Buch-Paradies. Oder korrekter: ein Buch-Theater. Schaut auch mal diesen Buchladen an:

Auf der Bühne befindet sich ein gemütliches Kaffee, von den Logen geniesst man einen tollen Ausblick ins ehemalige Theater. Für heute also Schluss – wir sind soeben zu Bücherwürmern mutiert!

Buchhandlung El Ateneo in ehemaligem Theater

Flohmarkt, Tango und Calatrava Brücke

Eine katholische Stadt an einem Sonntagmorgen ist eine tote Stadt. In Buenos Aires geht man noch zur Kirche. Der Vorteil für Atheisten: die Stadt ist leer gefegt. Boulevards, auf denen wir gestern fast totgefahren wurden, sind heute menschenleer! Vamos! Zum Flohmarkt in San Telmo!

Zwischen Plaza de Mayo und Avenida San Juan reiht sich Stand an Stand und ausser Antiquitäten gibt’s viel Handgemachtes zu kaufen. Auch originelle Erfindungen wie z.B. Döschen aus Orangenschalen!

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Döschen aus getrockneten Orangenschalen

Wie auf allen Flohmärkten der Welt wird hier Altes und nicht so Altes verkauft. Die Schwierigkeit ist, das eine vom andern zu unterscheiden. Oder auch nicht. Man kauft sich hier ja keine Kapitalanlage, sondern eine Erinnerung!

Meine Erinnerung sind ein paar silberne Ohrringe, die gemäss Verkäufer fast hundert Jahre alt sind… Ich hätte dem charmanten, älteren Herrn auch noch ein handgefertigtes Portemonnaie aus feinstem Silberdraht, das Tafelsilber seiner Grossmutter und ein zauberhaftes, kleines Parfum-Fläschchen aus Kristall abgekauft. Nur mein gesunder Menschenverstand, mein Leder-Portemonnaie und der Ehemann hielten mich davon ab. Nicht alle Träume dürfen sich erfüllen, sagte ich mir und schritt tapfer weiter.

Den Ehemann hatte ich allerdings inzwischen verloren. Ich fand ihn – mangels Elektronik-Angebot – an einem Stand mit verwelkten Email-Schildern wieder. Das Kodak-Schild gehört jetzt ihm. Und unser „physischer“ Erinnerungsbedarf ist gedeckt.

Jetzt knurrt nämlich der Magen. Und der Mann will ein kühles Bier, ich eines mit Aussicht. Beides gibt’s am neu renovierten Hafen.

Die fragile Puente de la Mujer  ist vom spanischen Architekten Calatrava, der auch den neuen Oculus-Bahnhof über Ground Zero in New York und vor Jahren unseren Bahnhof Stadelhofen gebaut hat. Dahinter entsteht gerade die neue Skyline von Buenos Aires und als die untergehende Sonne alles in zauberhaftes Abendlicht taucht, bleibt uns echt die Spuke weg.

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Puente de la Mujer von Calatrava

Im Garten der Toten

In einem Land mit fast 90% Katholiken ist es doch irgendwie erstaunlich, dass viele offenbar glauben, sich mit einem imposanten Mausoleum einen Platz im Himmel sichern zu können. Der alte Friedhof im Stadtteil Recoleta war früher eine Kirchenwiese. Ab 1822 wurde diese jedoch komplett zugebaut mit Grabstätten jedweder Couleur: 4800 Mausoleen in Art Deco, Art Nouveau, Barock, mit keltischen Kreuzen oder riesigen Marmor-Engeln stehen hier dicht an dicht. Neuerdings gibt es auch Grabstätten in moderner Bauweise aus Stein und Glas.

Jeder der genug Geld hat oder berühmt ist, kann sich hier sein Familien-Mausoleum bauen. Inzwischen gibt es Wartelisten, denn die Gräber verbleiben auf ewig in den Familien. Doch wenn es keine Nachkommen mehr gibt oder das Geld ausgeht, verfallen die Mausoleen und so kann evt. mal eine neue Familie ein altes Grab übernehmen.

Gerade diese von Spinnweben überwucherten, halb verfallenen Mausoleen verleihen diesem Friedhof seinen unglaublichen, gespenstischen Charme. Hier möchte man sogar als Ungläubiger nachts nicht alleine sein. All die korrupten Seelen, von denen es hier bestimmt einige gibt, kriechen um Mitternacht sicher aus ihren Särgen und wandeln wehklagend durch die engen Gässchen…

Die Toten werden nämlich nicht eingemauert, sondern mumifiziert in verzinkten Särgen aufgebahrt. Die Mausoleen sind bis zu 5 Meter tief und über schwindelerregend steile Treppen gelangt man nach unten in die Gruften, wo auf verschiedenen Ebenen die ganze Familie Platz findet: Sarg über Sarg. Gibt’s keinen Platz mehr für weitere Verstorbene, werden die ältesten Toten nach etwa 10 Jahren verbrannt und kommen in einer Urne erneut ins Familien-Grab.

Um Mäuse fernzuhalten, wurden Katzen angestellt (kein Witz!) und die Mausoleen werden regelmässig gelüftet, damit das Büsi seine Arbeit verrichten kann. Ausserdem wollen die Toten ja auch ein bisschen frische „buenos aires“ haben.

Manchmal begraben reiche Familien sogar ihre langjährigen Hausangestellten im Familiengrab. Allerdings nicht in der Gruft selber, sondern ausserhalb der Mausoleum-Mauer. Sozusagen im Garten des Friedhofgartens. Eine gewisse Grenze zwischen Aristokratie und Fussvolk muss dann doch gewahrt werden.

Wirklich gruselig wird es an Rufina Cambaceres Grab. Die 19jährige Tochter von Politiker und Schriftsteller Eugenio Cambaceres soll lebendig begraben worden sein. Am Tag des offiziellen Begräbnisses stellte man fest, dass der Sarg geöffnet worden war, der Deckel an der Innenseite Kratzspuren aufwies und auch Rufina selber Kratzer an Händen und im Gesicht hatte. Nun brodelte die Gerüchteküche! Die einen sagten, der Sarg sei von aussen geöffnet worden, um der reichen jungen Frau den Schmuck zu klauen, andere behaupteten, Rufina sei in eine Art Scheintod gefallen, weil sie am Abend ihres 19. Geburtstages durch eine unbekannte Person erfuhr, dass ihr Bräutigam eine Affäre mit ihrer Mutter hätte. Stimmen tut vermutlich höchstens die Räuber-Story…

Das Grab von Evita

Prominenteste Tote ist neben ehemaligen Präsidenten, militärischen Helden, einflussreichen Politikern, berühmten Schriftstellern und Tangotänzern (!) natürlich Eva Perón Duarte. Evita liegt – nach mehreren Umsiedlungen – wieder im Grab ihrer eigenen Familie Duarte. Allerdings sieht man ihren Sarg nicht. Um dem Evita-Rummel ein Ende zu setzen, verbannten sie ihre Angehörigen in den Untergrund. So liegt denn die berühmte Eva unsichtbar unter den Füssen der Besucher. Nützt aber alles nichts: Die Tür des Mausoleums wird täglich von Evita-Anhängern mit frischen Blumen geschmückt. Wer jung stirbt, wird eben fast immer unsterblich.

Alles so schön bunt hier!

Jetzt sind wir also zum ersten Mal in Südamerika. Kleine grüne Papageien fliegen einem um die Ohren, es gibt „besoffene Bäume“ (die Stämme sehen aus wie Flaschen) und die „Jacarandas“ wetteifern grad mit dem Himmel um das schönste Blau.

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Jacaranda-Baum

Buenos Aires, Hauptstadt von Argentinien, liegt am Rio de la Plata, der in den Atlantik mündet. Wir könnten über den Rio de la Plata schwimmen und wären bereits in Urugay. Allerdings wären wir dann auch tot. Einerseits weil wir 220 Kilometer schwimmen müssten, andererseits weil die Flussmündung total verschmutzt ist. Noch immer fliessen alle Abwässer der Millionenstadt ungefiltert ins Wasser …

Rund 2.8 Mio Einwohner hat die Stadt, in der Agglomeration wohnen jedoch 13 Mio Leute, von denen jeden Tag 1 Million ins Zentrum zur Arbeit pendelt. Morgens und abends herrscht hier auf den Strassen also echter Dichte-Stress.

Etwas besser steht es mit der Luft. Die Stadt erhielt ihren Namen von der heiligen Santa Maria del Buen Ayre = Heilige Maria der guten Luft. Andere meinen, der Name Buenos Aires sei auf die günstigen Winde über dem Rio de la Plata zurückzuführen, die den Eroberen ein gutes Vorkommen ermöglichten. Ich finde allerdings, die Maria-Variante passt viel besser hierher! Schliesslich sind fast 90% der Einwohner katholisch.

Die Stadt ist bunt, lebendig, musikalisch (Tango!) und ess-verrückt. Der Einfluss aus Italien ist stark. 60% der „porteños“ – so werden die Einwohner von BA genannt – sind italienischstämmig. Und natürlich kommen Carnivoren voll auf ihre Rechnung. Wer Argentinien verlässt, ohne wenigstens einmal in einer „Parrilla“ (Steak-House) ein Rindsfilet oder ein saftiges Steak gegessen zu haben, ist selber schuld. Das Fleisch gehört zu den Besten der Welt.

Produziert wird es in der Pampas und das ist jetzt kein Schimpfwort! So heisst das endlose Weideland von Argentinien. Weil es weit entfernt von grossen Städten liegt, wurde das Wort zum Synonym für „abgelegen“.

Abgelegen hin oder her – uns kommt das Filet jetzt grad sehr gelegen. Lasst’s Euch auch schmecken daheim, gell!