Vom Tier-Paradies zur Tier-Hölle

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Ehemalige Walfangstation Stromness auf Südgeorgien

Südgeorgien ist eine Inselgruppe südwestlich von Feuerland und gehört wie die Falklandinseln zu England. Im Winter ist die Insel vollkommen vereist, die Berge sind fast 3000 Meter hoch. Seit 1967 ist hier die BAS (British Antarctic Survey) wissenschaftlich tätig. Was viele nicht wissen: Der Falklandkrieg begann hier. Ein Versorgungsschiff kaperte die Insel und hielt die Forscher 11 Tage lang auf einem Schiff fest. Drei Wochen später wurde Südgeorgien befreit. Die Armee errichtete darauf hin am King Edward Point eine Garnison mit militärischen und zivilen Aufgaben. Seit 2001 ist die Militärstation wieder eine rein zivile Forschungsstation der BAS.

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250’000 Königspinguine und See-Elefanten leben heute auf Südgeorgien, mehr als 1 Million Pelzrobben und Goldschopf-Pinguine (Macaronis). Doch das war nicht immer so …

Von 1904 bis 1965 wurde hier fast der gesamte Robbenbestand ausgemerzt, die einst reichen Walbestände bis auf einige hundert Tiere abgeschlachtet. Den Robben zog man bei lebendigem Leib das Fell ab und schickte es nach China. Die Wale wurden mit Harpunen getötet, mit Pressluft gefüllt und an Land geschleppt. An „guten“ Tagen wurden bis zu 25 Grosswale zerlegt, ausgekocht und das wertvolle Walöl in alle Welt verschifft. Allein in der Walfangstation Grytviken tötete man 54’000 Wale, auf allen Stationen Südgeorgiens zusammen waren es 175’000 Tiere. In der gesamten Antarktis über 2 Millionen. Zusätzlich wurden noch jedes Jahr 50’000 Robben abgeschlachtet. Die Gier der Menschen kannte schon damals keine Grenzen.

Seit 1961 schützt der Antarktis-Vertrag, der von 39 Ländern mitunterzeichnet ist, dieses empfindliche Gebiet und die Robbenbestände haben sich glücklicherweise vollständig erholt. Die Wale allerdings konnten niemals mehr ihre alten Bestände erreichen.

Der Norweger Carl Anton Larsen gründete 1904 die erste Walfangstation im günstig gelegenen Cumberland Sund von Südgeorgien. Weil er dort einen grossen, eisernen Tran-Siedekessel aus früheren Zeiten fand, nannte er den Ort Grytviken, was auf norwegisch so viel wie „grosse Topf-Bucht“ heisst. Larsen kam mit 60 norwegischen Walfängern und erstellte innert kürzester Zeit die erste vollindustrialisierte Walfangstation auf Südgeorgien. Es entstanden ein Pier, Schleppbahnen für die erlegten Wale, Werkstätten, Tran-Siedereien, Unterkünfte, ein Verwalterhaus, und eine Bäckerei. Der erste Erlös aus dem Walfang ermöglichte die Erweiterung der Station um Gefrierhäuser und riesige Walöl-Tanks.

Um das harte Leben in dieser kalten Einsamkeit einigermassen erträglich zu machen, wurde 1913 aus Norwegen eine Kirche importiert und höhere Angestellte durften ihre Frauen mitbringen. Das erste Baby, ein Mädchen, kam am 8. Oktober 1913 hier zur Welt. Ein Pfarrer baute einen Fussballplatz und 1937 eröffnete sogar ein Kino.

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Walfangstation Grytviken

Nachdem die Tiere praktisch ausgerottet waren, rentierte der Walfang nicht mehr und die Stationen wurden aufgegeben. Noch wird darüber diskutiert, wer den Rückbau der aspestverseuchten Gebäude bezahlen soll. Immerhin hat man gerade erfolgreich in einem mehrjährigen Projekt mit viel Geld die eingeschleppten Ratten ausgerottet (sie dezimierten alle einheimischen bodenbrütenden Vögel) und vor ein paar Jahren wurde das letzte, ebenfalls von Norwegern eingeführte Rentier erschossen. Die Rentiere frassen das gesamte Tussock-Gras, welches Pinguinen und Pelzrobben als Brutplatz und Rückzugsort dient. Man möchte die Insel wieder den einheimischen Tieren und Pflanzen zurückgeben.

Grytviken wurde saniert und die Station kann besucht werden. Ein Museum dokumentiert eindrücklich die Zeiten des Walfangs. Idyllisch liegt die kleine Kirche über der Bucht, Pinguine und Pelzrobben sind nun die neuen Dauer-Bewohner der ehemaligen Walfangstation. Doch über dem Ort liegt bis heute der Hauch des Todes und man verlässt diesen Ort ganz gerne wieder.

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